Vorwort#
Autorin: Dr. Andrea Beyer, Humboldt-Universität zu Berlin
Ziel des Buches#
Das Buch - umgesetzt als Jupyter Book - bietet eine Einführung in das sog. distant reading [Moretti, 2013]. Um literarische Texte zu analysieren, verstand Moretti [2000] unter distant reading zunächst nur das “Lesen”, d.h. das Auswerten von Forschungsliteratur und Metadaten wie Titel, ohne in den eigentlichen Text zu schauen. Davon ausgehend entwickelte sich das Konzept des distant reading dahingehend weiter:
“distant reading self-evidently implies computation”. [Goldstone, 2017, 637]
Heutzutage gehören verschiedene Methoden aus Disziplinen wie Linguistik, Sozialwissenschaften und Informatik zum distant reading. Diese quantitativen Methoden arbeiten auf der Basis von Statistik und stellen Ergebnisse meist in diskontinuierlichen Texten, d.h. Tabellen, Diagrammen und Graphen, dar. Demnach müssen Forscher und Forscherinnen der Geisteswissenschaften, die mit diesen Methoden arbeiten wollen, ihre Forschungskompetenz um digitale Kompetenzen (digital literacies, Beyer [2025], Beyer and Schulz [2024]) erweitern, um in der Lage zu sein, einen empirisch-quantitativen Forschungsprozess zu planen, durchzuführen und dessen Ergebnisse bewerten zu können.
Dieses Buch will interessierte Forscherinnen und Forscher darin unterstützen, die eigene digitale Forschungskompetenz auszubauen. Da das Daidalos-Projekt in der Klassischen Philologie angesiedelt ist, entstammt das Beispielkorpus der Latinistik. Es handelt sich um eine kurze Invektive, die sich gegen den Redner, Philosophen und Politiker Cicero (106-43 v.Chr.) richtet. Für die Arbeit mit dem Buch sind jedoch keineswegs umfassende lateinische Sprachkenntnisse notwendig, weil sie für das Nachvollziehen der angewandten Methoden i.d.R. nicht gebraucht werden. Wichtiger ist die Bereitschaft, sich ergebnisoffen auf einen Wissenstransfer einzulassen und das Gelernte selbst zu erproben, z.B. in der auf der Daidalos-Plattform bereitgestellten JupyterLab-Umgebung.
Aufbau des Buches#
Die Struktur des Buches orientiert sich an den Phasen im Forschungsprozess. Während im ersten Kapitel zunächst zugrundeliegende Konzepte wie Digital Classics, KI, Forschungskompetenz und Augmented Reading (neu) eingeführt werden, schließen sich fünf umfangreiche Kapitel an, die jeweils am gewählten Forschungsobjekt (Ps.-Sallust) die einzelnen Forschungsphasen (Design, Erschließen, Anreichern, Analysieren, Publizieren) und mögliche Forschungsmethoden exemplarisch vorführen.
Vorgehen#
Um einen möglichst breiten Überblick über Methoden des distant reading bieten zu können, folgt das Buch einem explorativen Ansatz, der an der pseudosallustischen Fallstudie In Ciceronem eher ein Kaleidoskop an Möglichkeiten als ein einzelnes, in sich stringentes Forschungsvorhaben präsentiert.