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Satz |
MS. D’Orville 77 |
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Prolog (Kap. 1) |
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1 |
Graviter et iniquo animo maledicta tua paterer M. Tulli, si te scirem iudicio magis quam morbo animi petulantia ista uti. |
Zutiefst im Inneren getroffen würde ich an deinen Schmähworten leiden, Marcus Tullius, wenn ich meinen würde, dass du dich dieser Unverschämtheit mehr auf der Basis von Urteilsvermögen als von Geisteskrankheit bedientest. |
2 |
Sed cum in te neque modum neque modestiam ullam animadverto, respondebo tibi: ut si quam maledicendo voluptatem coepisti, eam maledicendo amittas. |
Aber da ich bei dir weder Maß noch irgendeine Mäßigung bemerke, werde ich dir antworten, dass du, wenn du ein gewisses Vergnügen beim Schmähen hattest, dieses wohl beim Geschmäht werden verlieren wirst. |
3 |
Ubi querar, quos implorem, patres conscripti, diripi rem publicam atque audacissimo cuique esse perfidie? |
Wo soll ich Klage führen, wen soll ich anflehen, Senatoren, dass der Staat beraubt wurde und dass er zur Beute gerade des frechsten Mannes wurde? |
4 |
Apud populum Romanum qui ita largitionibus corruptus est, ut se ipse ac fortunas suas venales habeat? |
Beim römischen Volk, das durch Bestechungen so verdorben wurde, dass es sich selbst und sein Schicksal für käuflich hält? |
5 |
An apud vos, patres conscripti, quorum auctoritas turpissimo cuique et sceleratissimo ludibrio est? |
Oder bei euch, Senatoren, deren Ansehen gerade vom unanständigsten und verbrecherischsten Mann (Senator) verspottet wird? |
6 |
Ubi ubi, M. Tullius, leges, iudicia, rem publicam defendit atque in hoc ordine ita moderatur quasi unus reliquus e familia viri clarissimi, Scipionis Africani, ac non reperticius, accitus, ac paulo ante insitus huic urbi civis. |
An allen Orten, wo (ein) Marcus Tullius die Gesetze, die Gerichte, den Staat verteidigt und sich so in diesem Stand gibt, als ob er der letzte aus der Familie des hochberühmten Mannes, Scipio Africanus, und nicht etwa ein auf der Straße aufgelesener, ausländischer und erst vor kurzem in diese Stadt als Bürger aufgenommener Mann wäre. |
Narratio (Kap. 2) |
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7 |
An vero, M. Tulli, facta ac dicta tua obscura sunt? |
Aber liegen denn, Marcus Tullius, deine Taten und Worte im Dunklen? |
8 |
An non ita a pueritia vixisti, ut nihil flagitiosum corpori tuo putares, quod alicui collibuisset? |
Hast du nicht von Kindheit an so gelebt, dass du für deinen Körper gar nichts mehr für entehrend hältst, was jemandem (anderen) gefallen könnte? |
9 |
Aut scilicet istam immoderatam eloquentiam apud M. Pisonem non pudicitiae iactura perdidicisti? |
Oder - ja sicher - du hast bei Marcus Piso diese maßlose Redegewandtheit nicht durch den Verlust deiner Keuschheit erlernt? |
10 |
Itaque minime mirandum est quod eam flagitiose venditas quam turpissime parasti. |
Deswegen ist es darf man sich auch nicht wundern, dass du sie [i.e. Redegewandtheit] auf so skandalöse Weise verschacherst, wie du (sie) auf höchst unsittliche Weise erworben hast. |
11 |
Verum ut opinor splendor domesticus tibi animos tollit. |
In Wahrheit, wie ich vermute, hebt dir dein häuslicher Glanz deine Sinne. |
12 |
Uxor sacrilega, ac periuriis debilitata. |
Eine verruchte und sogar meineidige Ehefrau. |
13 |
Filia matris paelex tibi iucundior atque obsequentior quam parenti parem. |
Eine Tochter als Rivalin der Mutter, für dich anziehender und folgsamer als es sich für einen Vater schickt. |
14 |
Domum ipsam tuam vi et rapinis funestam tibi ac tuis comparasti, videlicet ut nos commonefacias quam conversa res sit cum in ea domo habitares homo flagitiosissime quae P. Crassi viri clarissimi fuit. |
Du hast dir und den Deinen dein eigenes, durch Gewalt und Räubereien unheilvolles Haus verschafft, ja gewiss, wie du uns immer wieder wissen lässt, wie verdreht die Angelegenheit ist, wenn du, ein höchst schändlicher Mensch, in diesem Haus wohnst, das einmal Publius Crassus, einem hochberühmten Mann, gehörte. |
Narratio (Kap. 3) |
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15 |
Atque haec cum ita sint, tamen se Cicero dicit in concilio deorum immortalium fuisse; inde missum huic urbi civibusque custodem absque carnificis nomine. |
Und obwohl dies sogar so sein mag, sagt Cicero dennoch, dass er im Rat der unsterblichen Götter gewesen wäre; von dort sei er für diese Stadt und ihre Bürger als Wächter entsandt worden - ohne den Titel Henker. |
16 |
Qui civitatis incommodum in gloriam suam ponit. |
Dieser verwandelt das Unglück der Bürgerschaft in seinen eigenen Ruhm. |
17 |
Quasi vero non illius coniurationis causa fuerit consulatus tuus, et idcirco res publica disiecta eo tempore quo te custodem habebat. |
Als ob aber nicht vielmehr dein Konsulat Grund für jene Verschwörung gewesen wäre und darum der Staat in dieser Zeit in Scherben da lag, als er dich zum Wächter hatte. |
18 |
Sed ut opinor, illa te magis extollunt quae post consulatum cum Terentia uxore de re publica consuluisti cum legis Plautiae iudicia domo faciebatis. |
Aber wie ich vermute, jenes lässt dich nach Höherem streben, was du nach deinem Konsulat zusammen mit deiner Ehefrau Terentia über den Staat beschlossen hast, als ihr zuhause Urteile nach dem Plautinischen Gesetz zu fällen pflegtet. |
19 |
Ex coniuratis alios pecunia condemnabas: cum tibi alius Tusculanum, alius Pompeianam villam exaedificabat, alius domum emebat. |
Einige der Verschwörer verurteiltest du zu einer Geldstrafe: damals als der erste dir das Tusculanum, der zweite das Pompeianum baute, der dritte dir ein Haus kaufte. |
20 |
Qui vero nihil poterat, is erat calumniae proximus. |
Wer aber nichts dergleichen vermochte, der war der nächste (auf der Liste) für eine falsche Anklage. |
21 |
Is aut domum tuam oppugnatum venerat aut insidias senatui fecerat. |
Einer war entweder gekommen, um dein Haus anzugreifen, oder hatte einen Anschlag gegen den Senat geplant. |
22 |
Denique de eo tibi compertum erat. |
Mit einem Wort: von dir war es in Erfahrung gebracht worden. |
Narratio (Kap. 4) |
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23 |
Quae si tibi falsa obicio, redde rationem quantum patrimonii acceperis, quid tibi litibus accreverit, qua ex pecunia domum paraveris, Tusculanum, et Pompeianum infinito sumptu aedificaueris. |
Falls ich dir etwas Falsches vorwerfe, lege Rechenschaft darüber ab, wie viel du geerbt hast, was dir die Gerichtsverfahren eingebracht haben, mit welchem Geld du dein Haus erworben hast, wie du dein Tusculanum und Pompeianum mit unermesslichem Aufwand bauen konntest. |
24 |
Aut si retices, cui potest dubium esse quin opulentiam istam ex sanguine de miseriis civium parasti? |
Oder falls du schweigst, für wen kann ein Zweifel bestehen, dass du dir diesen Reichtum aus dem Vermögen (von den Kindern/vom Blut) der ins Elend gestürzten Bürger verschafft hast? |
25 |
Verum ut opinor homo novus Arpinas ex M. Crassi familia illius virtutem imitatur. |
In Wahrheit, wie ich vermute, ahmt der Homo novus aus Arpinum, aus der Familie eines Marcus Crassus, die virtus von jenem nach. |
26 |
Contemnit simultatem hominum nobilium, rem publicam caram habet neque terrore neque gratia removetur. |
Er verachtet die Rivalität unter adligen Männern, hat einzig den Staat in sein Herz geschlossen und wird davon weder durch Schrecken/Angs noch durch Dankbarkeit/Bestechung abgebracht. |
27 |
Aliud vero amicitiae tantum ac virtus est animi. |
Wirklich, nur Freundschaft wie auch virtus ist sein Herzensanliegen. |
Narratio (Kap. 5) |
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28 |
Immo vero homo levissimus supplex inimicis, amicis contumeliosus, modo harum modo illarum partium, fidus nemini levissimus senator mercennarius patronus. |
Nein im Gegenteil, er ist sogar ein äußerst haltloser Mann, unterwürfig bittend gegenüber seinen Feinden, gegenüber seinen Freunden stets zu Beschimpfungen bereit, mal in dieser, mal in jener Partei, treu gegenüber niemandem, ein äußerst unbeständiger Senator, ein käuflicher Anwalt. |
29 |
Cuius nulla pars corporis a turpitudine vacat. |
Bei ihm ist kein Körperteil von Schande frei. |
30 |
Lingua vana, manus rapacissimae, gula immensa pes fugaces. |
Eine lügenhafte Zunge, unglaublich raffgierige Hände, eine unstillbare Kehle, fluchtbereite Füße. |
31 |
Quae honeste nominari non possunt inhonestissima. |
Das, was nicht auf ehrenhafte Weise genannt werden kann, das ehrloseste. |
32 |
Atque is cum eius modi sit tamen audet dicere o fortunatam natam me consule Romam. |
Und obwohl er dieser Art ist, wagt er es trotzdem zu sagen: „Oh glückliches Rom, das unter meinem Konsulat wiedergeboren wurde!“ |
33 |
Te consule fortunatam Cicero? |
Unter deinem Konsulat glücklich, Cicero? |
34 |
Immo vero infelicem et miseram, quae crudelissimam proscriptionem eam perpessa est, cum tu perturbata re publica metu perculsos omnes bonos parere crudelitati tuae cogebas. |
Nein im Gegenteil, unglückliches und elendes Rom, das diese grausamste Proskription erduldet hat, zu der Zeit als du alle Guten, die aus Angst vor dem in Unruhe versetzten Staat dazu gebracht worden waren, zwangst, deiner Grausamkeit zu gehorchen. |
35 |
Cum omnia iudicia omnes leges in tua libidine erant. |
Damals als sich alle Gerichte, alle Gesetze in deiner Willkür befanden. |
36 |
Cum tu sublata lege Portia erepta libertate omnium nostrum vitae necisque potestatem ad te unum revocaveras. |
Damals nach Abschaffung des Porcischen Gesetzes, nach dem Entreißen der Freiheit von uns allen, als du die Macht über Leben und Tod auf dich als einzigen vereinigt hattest. |
Narratio (Kap. 6) |
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37 |
Atque parum quod impune fecisti, verum etiam commemorando exprobras, neque licet oblivisci his servitutis tuae. |
Und nicht genug mit dem, was du ungestraft angestellt hast, oh nein, du hältst es uns auch noch durch ständiges Erinnern vor und es ist diesen (allen hier) nicht erlaubt, deine Sklaverei zu vergessen. |
38 |
Egeris oro te, Cicero, profeceris quid libet satis est perpessos esse. |
… ich bitte dich, Cicero, … es ist genug, dass sie es ertragen haben! |
39 |
Etiamne aures nostras odio tuo onerabis? |
Wirst du unsere Ohren noch weiter mit deinen Hasstiraden belästigen? |
40 |
Etiam in molestissimis verbis inspectabere? |
Wirst du uns noch weiter mit diesen so lästigen Worten verhöhnen? |
41 |
“Cedant arma togae concedat laurea linguae.” |
„Mögen die Waffen der Toga weichen, möge der Lorbeer der Zunge den Vorrang lassen.“ |
42 |
Quasi vero togatus et non armatus ea quae gloriaris confeceris, atque inter te Sullamque dictatorem praeter nomen imperii quicquam interfuit. |
Als ob du aber überhaupt als Togeträger und nicht als Bewaffneter das, dessen du dich rühmst, hättest vollbringen können; und ja, als ob zwischen dir und dem Dictator Sulla überhaupt noch ein Unterschied gewesen wäre als der Titel der Herrschaftsform. |
Epilog (Kap. 7) |
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43 |
Sed quid ego plura de tua insolentia commemorem, quae Minerva omnis artis edocuit, Iupiter Optimus Maximus in concilio deorum admisit, Italia exulem umeris suis reportavit? |
Aber warum soll ich noch mehr an deine Unverschämtheit erinnern, den doch Minerva alle Künste gelehrt hat, dem Jupiter Optimus Maximus doch Zutritt zum Rat der Götter gestattet hat, den Italien als Verbannten auf seinen Schultern zurückgetragen hat? |
44 |
Oro te Romule Arpinas qua egregia tua virtute omnis Paulos, Fabios, Scipiones superasti, quem tandem locum in hac civitate obtinet? |
Ich frage dich, du Romulus aus Arpinum, der du mit deiner herausragenden virtus alle Paulier, Fabier und Scipionen übertroffen hast, welchen Rang hast du schließlich in dieser Bürgerschaft inne? |
45 |
Quae tibi partes rei publica placent? |
Welche Partei des Staates gefällt dir? |
46 |
Quem amicum, et quem inimicum habet. |
Wen hältst du für einen Freund und wen für einen Feind? |
47 |
Cur in civitate insidias fecisti ancillares, quo iure cum de exilio tuo Dyrrhachio redisti eum sequeris? |
Warum hast du in der Bürgerschaft dem einen Hinterhalt gelegt, dem du gedient hast; mit welchem Recht verfolgst du denjenigen, mit dem du aus deinem Exil in Dyrrhachium zurückgekehrt bist? |
48 |
Quos tyrannos appellabas eorum potentiae faves. |
Die du Tyrannen nanntest, deren Macht befürwortest du nun. |
49 |
Qui tibi ante optimates videbantur, eosdem dementes ac furiosos vocat. |
Dieselben, die dir früher Optimaten zu sein schienen, nennst du jetzt wahnsinnig und sogar rasend. |
50 |
Vatini causam agis, de Sestio male existimas. |
Du übernimmst den Fall des Vatinius, über Sestius urteilst du schlecht. |
51 |
Bibulum petulantissimis verbis laedis, laudas Caesarem. |
Bibulus greifst du mit äußerst frivolen Worten an, du lobst (jedoch) Caesar. |
52 |
Quem maxime odisti ei maxime obsequeris. |
Wen du besonders hasst, dem gehorchst du besonders gut. |
53 |
Aliud stans aliud sedens sentis de re publica. |
Einmal stehend, einmal sitzend gibst du deine Meinung über den Staat ab. |
54 |
His maledicis, illos odisti. |
Über diese sprichst du schlecht, jene hasst du. |
55 |
Levissime transfuga, neque in hac neque in ulla parte fidem habens. |
Du äußerst gewissenloser Überläufer, der weder in dieser noch in jener Partei Vertrauen besitzt. |