Klassische Philologie#
Die Geschichte der Klassischen Philologie zeigt, dass Philologen über Jahrhunderte hinweg technologischen Veränderungen offen gegenüberstanden. Solange sie auf ihre philologische Grundausbildung zurückgreifen konnten, bewältigten sie erfolgreich die Einführung neuer Medien und Technologien wie Buchdruck, Computer und Internet sowie methodische Entwicklungen wie Stemmata, Treebanks und Auszeichnungssprachen.
Während im 20. Jahrhundert sich in der Klassischen Philologie verschiedene Arbeitsschwerpunkte in den Bereichen Edition, Linguistik, Literaturwissenschaft, Rezeptionsästhetik und Didaktik herausbildeten, führte die zunehmende Digitalisierung ab dem 21. Jahrhundert zu einer verstärkten Spezialisierung, die eher trennend als verbindend wirkte. So erfordert die Digitalisierung in der Editionswissenschaft andere Fachkenntnisse – etwa den Umgang mit Auszeichnungssprachen – als in der Didaktik (z.B. Wortschatz-Tools) oder der Linguistik (z.B. Treebanks). Dennoch bleibt die Digitalisierung eine spezifische, interessengeleitete Erweiterung der philologischen Grundausbildung, ohne die grundlegende Annahme zu untergraben, dass es vorrangig um eine überschaubare Textmenge geht, die mit Methoden des sogenannten close reading [Schubert, 2015] erschlossen werden kann.
Mit der Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) wird jedoch diese Ausrichtung auf einen überprüfbaren Textauszug in Frage gestellt. Digitale Methoden, die mehr oder weniger auf KI basieren, sind für den Umgang mit großen Textkorpora („Big Data“) konzipiert und arbeiten mit Mustererkennung und statistischen Wahrscheinlichkeiten. Texte werden dabei zu Daten, die verarbeitet und häufig in diskontinuierlicher Form – beispielsweise als Tabellen oder Graphen – ausgegeben. Dieses sogenannte distant reading [Moretti, 2013] zeichnet sich weniger durch interpretierendes Lesen als durch rechnerische Analyse aus, was insbesondere für hermeneutisch orientierte Literaturwissenschaftlerinnen und Literaturwissenschaftler eine Herausforderung darstellt. Der Einsatz von KI-Methoden und KI-basierten Infrastrukturen erfordert daher nicht nur eine Erweiterung bestehender fachlicher Fähigkeiten, sondern die Entwicklung komplexer neuer fachbezogener Kompetenzen (Digital Literacies) sowie eine emotionale Bereitschaft, die eigene Grundhaltung zum Umgang mit Texten neu zu reflektieren. Die Veränderung von Einstellungen und Verhaltensweisen ist jedoch besonders herausfordernd und lässt sich kaum durch einzelne, isolierte Maßnahmen wie Webinare oder Seminare erreichen [Verplanken and Orbell, 2022].
KI ist somit zwar als Thema in der Klassischen Philologie angekommen, bleibt jedoch für die Mehrheit der deutschsprachigen Klassischen Philologen und Philologinnen ein abstraktes Problem, das sie in ihrem eigenen Forschungskontext wenig tangiert. Es betrifft sie indirekt, beispielsweise bei der Bewertung von Prüfungsleistungen oder beim Einsatz von KI-Tools zur Textzusammenfassung oder Übersetzung. Ein systematischer Einsatz von KI in der Forschung oder gar die Forschung an KI für die klassisch-philologische Forschung fehlt in der nationalen Klassischen Philologie weitgehend, ist jedoch bereits seit mehreren Jahren an einigen internationalen Standorten etabliert.