Claude-3.7-Sonnet#
Ausgangstext: Bibliotheca Augustana, Invectiva In Ciceronem
Link: Prompt und Ausgabe
[1] Ich würde deine Beschimpfungen schwer und mit Unmut ertragen, Marcus Tullius, wenn ich wüsste, dass du diese Unverschämtheit aus Urteilsvermögen und nicht aus krankhaftem Geist anwendest. Da ich aber bei dir weder Maß noch Bescheidenheit erkenne, werde ich dir antworten, damit du, wenn du irgendein Vergnügen beim Beleidigen empfunden hast, dieses durch das Anhören von Beleidigungen verlierst.
Wo soll ich klagen, wen soll ich anflehen, Senatoren, dass der Staat geplündert wird und jedem Dreistesten zur Beute fällt? Beim römischen Volk? Das durch Bestechungen so verdorben ist, dass es sich selbst und sein Vermögen zum Verkauf anbietet. Oder bei euch, Senatoren? Deren Autorität den Schändlichsten und Verbrecherischsten zum Gespött ist. Wo auch immer Marcus Tullius die Gesetze, Gerichte und den Staat verteidigt und in diesem Stand so maßvoll auftritt, als sei er der einzig Verbliebene aus der Familie des hochberühmten Mannes Scipio Africanus, und nicht ein Emporkömmling, herbeigerufen und erst vor kurzem dieser Stadt als Bürger eingepflanzt.
[2] Sind etwa, Marcus Tullius, deine Taten und Worte verborgen? Oder hast du nicht von Kindheit an so gelebt, dass du nichts für deinen Körper als schändlich erachtet hast, was irgendjemand begehrte? Oder hast du etwa diese maßlose Redekunst bei Marcus Piso nicht durch den Verlust deiner Keuschheit gründlich erlernt? Daher ist es kaum verwunderlich, dass du schändlich verkaufst, was du auf schändlichste Weise erworben hast.
Aber, wie ich meine, hebt der häusliche Glanz deinen Mut: eine gotteslästerliche und durch Meineide befleckte Ehefrau, eine Tochter, die Nebenbuhlerin ihrer Mutter, dir angenehmer und gehorsamer, als es sich für ein Elternteil gehört. Das Haus selbst hast du dir durch Gewalt und Raub zu deinem und der Deinen Unheil erworben, offenbar um uns daran zu erinnern, wie sehr sich die Dinge gewandelt haben, wenn du, schändlichster Mensch, in jenem Haus wohnst, das einst Publius Crassus, einem hochberühmten Mann, gehörte.
[3] Und obwohl es sich so verhält, behauptet Cicero dennoch, er sei im Rat der unsterblichen Götter gewesen, von dort als Wächter dieser Stadt und ihren Bürgern gesandt worden, ohne den Namen eines Henkers, der die Not des Staates zu seinem eigenen Ruhm macht. Als ob nicht dein Konsulat die Ursache jener Verschwörung gewesen wäre und deshalb der Staat zu jener Zeit zerrüttet wurde, als er dich zum Wächter hatte. Aber wie ich glaube, erheben dich noch mehr jene Dinge, die du nach deinem Konsulat mit deiner Frau Terentia über den Staat beratschlagt hast, als ihr zu Hause Gerichte nach dem Plautischen Gesetz abhieltet, als du einige der Verschwörer für Geld verurteiltest, als dir der eine ein Landhaus in Tusculum, der andere in Pompeji erbaute, ein anderer ein Haus kaufte. Wer aber nichts vermochte, der war der nächste für eine Verleumdung, der war entweder gekommen, um dein Haus anzugreifen, oder hatte dem Senat Fallen gestellt, kurz, über ihn hattest du Gewissheit.
[4] Wenn ich dir diese Dinge fälschlich vorwerfe, gib Rechenschaft, wie viel Erbe du erhalten hast, was dir durch Prozesse zugewachsen ist, mit welchem Geld du das Haus erworben, Tusculum und Pompeji mit unermesslichem Aufwand erbaut hast, oder wenn du schweigst, wer kann dann zweifeln: Diesen Reichtum hast du aus dem Blut und Elend der Bürger erworben?
Aber, wie ich meine, ahmt dieser neue Mann aus Arpinum, aus der Familie des Marcus Crassus, dessen Tugend nach, verachtet die Feindschaft der Adligen, hat den Staat lieb und wird weder durch Schrecken noch durch Gunst von der Wahrheit abgelenkt, nur Freundschaft und Tugend erfüllen sein Herz.
[5] Im Gegenteil, er ist ein höchst unbeständiger Mensch, unterwürfig gegenüber Feinden, beleidigend gegenüber Freunden, bald auf dieser, bald auf jener Seite, niemandem treu, der leichtfertigste Senator, ein käuflicher Patron, bei dem kein Körperteil frei von Schändlichkeit ist, die Zunge eitel, die Hände äußerst habgierig, die Kehle maßlos, die Füße flüchtig: Was nicht ehrenhaft genannt werden kann, ist am unehrenhaftesten. Und obwohl er so ist, wagt er zu sagen: “O glückliches Rom, geboren unter meinem Konsulat!” Unter deinem Konsulat glücklich, Cicero? Vielmehr unglücklich und elend, das die grausamste Proskription erlitt, als du in einem erschütterten Staat alle Guten, von Furcht getroffen, zwangst, deiner Grausamkeit zu gehorchen, als alle Gerichte, alle Gesetze deiner Willkür unterlagen, als du nach Aufhebung des Porcischen Gesetzes, nach dem Raub der Freiheit, die Macht über Leben und Tod von uns allen an dich allein gerissen hattest.
[6] Und es genügt dir nicht, dass du es ungestraft getan hast, sondern durch dein Erinnern wirst du zum Vorwurf, und es ist jenen nicht erlaubt, ihre Knechtschaft zu vergessen. Du magst gehandelt haben, ich bitte dich, Cicero, du magst etwas erreicht haben, es ist genug, dass wir es ertragen haben. Wirst du auch noch unsere Ohren mit deinem Hass belasten, wirst du uns auch noch mit den lästigsten Worten verfolgen? “Die Waffen sollen der Toga weichen, der Lorbeerkranz der Zunge.” Als ob du in der Toga und nicht bewaffnet das vollbracht hättest, dessen du dich rühmst, und als ob zwischen dir und dem Diktator Sulla außer dem Namen der Herrschaft irgendein Unterschied bestünde.
[7] Aber warum soll ich noch mehr über deine Anmaßung erzählen? Den Minerva alle Künste gelehrt hat, den Jupiter Optimus Maximus in den Rat der Götter aufgenommen hat, den Italien als Verbannten auf seinen Schultern zurückgetragen hat. Ich bitte dich, Romulus aus Arpinum, der du durch deine herausragende Tugend alle Pauli, Fabii und Scipionen übertroffen hast, welchen Platz nimmst du schließlich in diesem Staat ein? Welche Teile des Staates gefallen dir? Wen hast du zum Freund, wen zum Feind? Dem, dem du im Staat Fallen gestellt hast, dienst du wie ein Sklave; den, durch dessen Hilfe du aus deiner Verbannung nach Dyrrhachium zurückkehrtest, verfolgst du. Der Macht derer, die du Tyrannen nanntest, schmeichelst du; die dir vorher als die Besten erschienen, nennst du dieselben wahnsinnig und rasend. Du führst Vatinius’ Sache, über Sestius denkst du schlecht. Bibulus verletzt du mit den unverschämtesten Worten, Caesar lobst du. Dem, den du am meisten hasst, gehorchst du am meisten. Stehend hast du eine andere Meinung über den Staat als sitzend. Diese beschimpfst du, jene hasst du, leichtfertigster Überläufer, der weder auf dieser noch auf jener Seite Vertrauen genießt.