# Testimonia

Obwohl die kleine Invektive gegen Cicero vielfältig überliefert ist, wird
sie in der antiken Literatur gesichert nur zweimal explizit erwähnt. Diese
Belegstellen finden sich bei Quintilian, der die Rede dem Schriftsteller
Sallust zuschreibt. In beiden Fällen zitiert Quintilian knapp aus der Rede,
die er mit _in quem ipsum dicebat_ und _in Ciceronem_ eindeutig als eine Form
der Anklage Ciceros versteht. Zugleich verweist Quintilian (4, 1, 68) auf
den intertextuellen Bezug zwischen den Anfängen der Invektive und der
ersten Catilinarischen Rede Ciceros.

## Quintilian Institutio oratoria, 4, 1, 68

> Quid? Non Sallustius derecto ad Ciceronem, in quem ipsum dicebat, usus est principio, et quidem protinus: Graviter et iniquo animo maledicta tua paterer, Marce Tulli, sicut Cicero fecerat in Catilinam: quo usque tandem abutere?

```{dropdown} Übersetzung
:class: tip
Was? Hat nicht Sallust auch ein offensives Exordium gegen Cicero verwendet, als er diesen angriff, und zwar gleich
zu Beginn (mit den Worten): ’Zutiefst im Inneren getroffen würde ich an deinen Schmähworten leiden, M. Tullius,’ wie 
Cicero es (selbst) schon gegen Catilina gemacht hatte: ’Wie lange noch wirst du [unsere Geduld] missbrauchen’?
```

Quintilian thematisiert in diesem Abschnitt die Wirksamkeit von (emotionalen) Apostrophen bei Cicero und Demosthenes,
die lieber den „Angeklagten“ direkt angreifen, als mit den „Richtern“ sachlich über den „Angeklagten“ zu sprechen.
Als einziges weiteres Beispiel zitiert er hier den Beginn der Invektive (Cic. 1).


## Quintilian Institutio oratoria, 9, 3, 89

Noch kürzer fällt der zweite Beleg für eine Rede Sallusts gegen Cicero aus. Hier führt Quintilian nur das Bonmot 
seines Autors Sallust ’O Romule Arpinas’ an, das in seiner Zusammenstellung pointenreich zwei politische Beschimpfungen [^1]
miteinander verknüpft: ein Niemand aus dem „Kaff“ Arpinum maßt sich die der _res publica libera_ zuwider laufende
Königswürde an. 

[^1]: Romulus als Schimpfwort ist in der antiken Literatur nicht unbekannt (cf. {cite:t}`rebello_romulus_2019{135ff.}`). Außerdem greift der Verfasser auch auf Cicero selbst zurück, der sich in seiner Funktion als Retter der Stadt Rom mit Romulus, dem Gründer der Stadt, vergleicht und sich sogar über diesen zu erheben scheint (Cat. 3, 2).


> Etiam in personae fictione accidere quidam idem putaverunt, ut in verbis esset haec figura: crudelitatis mater est avaritia, et apud Sallustium in Ciceronem O Romule Arpinas, [...]

```{dropdown} Übersetzung
:class: tip
Einige glaubten sogar, dass dasselbe auf die _fictio personae_ zutrifft, wie in (folgenden) Worten es diese Figur gab: die
Grausamkeit ist die Mutter der Habgier. Und wie bei Sallust gegen Cicero das ’Oh Romulus aus Arpinum’, [...]
```

Quintilian behandelt in diesem Abschnitt den Unterschied zwischen Rede und Gedankenfigur. Mit _quidam [...] putaverunt_ 
bezweifelt er, dass es sich bei der Formulierung _O Romule Arpinas_ um eine Redefigur handelt, die er leicht abgewandelt
(_Oro te, Romule Arpinas,[...]_, Cic. 7), dem letzten Kapitel der Invektive, entnommen hat.


## Servius, Aeneis, 6.623

Einen weiteren Hinweis auf die Bekanntheit der Rede und ihren vermeintlichen Autor Sallust findet man noch in einem Manuskript, in dem der
Vergil-Kommentar des Servius zur Aeneis überliefert ist (cf. {cite:t}`novokhatko_invectives_2009{112}`).

> Nam quod Donatus dicit nefas est credi, dictum esse de Tullio, [Manuskript D: quod convicium a Sallustio Ciceronis inimico natum est, qui de illo inquit: filia matris paelex.] [^2]

[^2]: _filia matris paelex_ ist ein wörtliches Zitat aus Cic. 2.

`````{dropdown} Übersetzung
:class: tip

Denn das, von dem schon Donat sagt, dass man es nicht glauben sollte, ist über Tullius gesagt worden, [nämlich dass diese
Beschimpfung von Sallust, einem Feind Ciceros, stammt, der über jenen (folgendes) sagt: ’die Tochter sei Nebenbuhlerin
der Mutter gewesen’.] 
`````

Doch wie Novokhatko in Fußnote 3 (ib.) erläutert, kann diese zweifelhafte Passage nicht als ein Beleg dafür angesehen werden, 
dass Servius (4./5. Jh.) die Invektive kannte und auf sie verwiesen hat. Einzig die Schlussfolgerung, dass der Verfasser 
des Manuskriptes D die Invektive kannte und hier eine aus seiner Sicht „passende“ Erklärung für das 
_dictum esse de Tullio_ eingefügt hat, ist möglich.

Außerhalb dieser zwei bzw. drei Belege gibt es keine weiteren Belege. Besonders interessant im Hinblick auf Autorschaft 
und Authentizität der Invektive ist, dass Cicero selbst mit keinem Wort das Vorhandensein einer derartigen Rede andeutet.




